Familientherapie

Familien ohne Konflikte und Krisen gibt es nicht. Wesentlich ist die Frage, welche Möglichkeiten sie haben, solche Konflikte zu bewältigen. Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass menschliche Probleme und Schwierigkeiten innerhalb der Person angesiedelt sind. Daraus entstanden Beschreibungen wie er oder sie ist neurotisch, egoistisch, schwierig, nicht vertrauenswürdig etc. Diese Menschen wurden dann mehr oder weniger festgelegt auf solche "Merkmale". Familien, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden neigen dazu, die Schuld bzw. Verantwortung für die Krise oder den Konflikt einem Familienmitglied zuzuweisen. Oftmals sah man nicht mehr die anderen Seiten dieses Menschen, sondern konzentrierte sich nur noch auf das "Etikett" (neurotisch, egoistisch, schwierig ...).

Menschen, die dies jemals erlebt haben, werden jedoch bestätigen können, dass der/die Beschuldigte dies völlig anders sieht, die Schuldzuweisung nicht annimmt, oder - im günstigsten Falle - bereit ist, Lippenbekenntnisse abzugeben und Besserung zu geloben. In der Regel gibt es dann jedoch kurze Zeit später wieder sogenannte "Ausrutscher", die die Hoffnung auf Besserung schwinden lassen.

In der Familientherapie arbeite ich an Familienorientierten Lösungsstrategien auf der Grundlage ihrer Fähigkeiten und Stärken, die es erlauben, eine Lösung für das Problem zu finden, die die Ausgrenzung sogenannter "schwarzer Schafe" überflüssig macht.

Die systemische Familientherapie geht davon aus, dass Menschen sich in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise verhalten. Dieses Verhalten wird jedoch nicht als unveränderbare Charaktereigenschaft angesehen. Vielmehr geht man davon aus, dass das gezeigte Verhalten von den betreffenden Menschen - bewusst oder unbewusst - ausgewählt wird, um die jeweilige Lebenssituation zu bewältigen, in der sie sich gerade befinden. Das bedeutet, dass diese Menschen sich in der einen Situation beispielsweise sehr angepasst verhalten und ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigen, in anderen Situationen hingegen sind sie durchaus in der Lage, ihre eigenen Interessen zu vertreten und sich durchzusetzen. Welches Verhalten eine Person nun wählt, ist abhängig davon, wie sie die jeweilige Situation einschätzt. Hierbei geht es nicht darum, wie diese Situation wirklich ist, sondern wie das, was geschieht, individuell wahrgenommen wird. Ich glaube fest, dass jeder Mensch sich - über seine Wahrnehmung - eine eigene Wirklichkeit konstruiert.

Ferner ist erkennbar, dass das, was Menschen tun, immer einen Versuch darstellt, das Bestmögliche zu tun, um (von ihnen wahrgenommene) Aufgaben zu lösen, die sich aus ihrem Alltag bzw. dem Zusammeleben mit anderen Menschen ergeben. Oder anders ausgedrückt: Menschliches Verhalten stellt oftmals einen Lösungsversuch dar. Dies gilt vor allem in problematisch erlebten Situationen.

Allerdings - so gut die Absicht auch gemeint sein mag - eignen sich manche Verhaltensweisen nicht dazu, eine Lösung herbeizuführen. Oder, schärfer formuliert: Das ausgewählte Lösungsverhalten passt nicht zum Problem bzw. zur Schwierigkeit. Besonders dann nicht, wenn die Mitmenschen - z.B. Familienmitglieder - die gute Absicht bzw. den Lösungsversuch nicht erkennen, verstehen oder nachvollziehen können. In der Wahrnehmung dieser Menschen erscheint das beschriebene Lösungsverhalten häufig als "ver-rückt" oder sogar "bösartig".

Diese Prozesse können eskalieren, wenn die Familienmitglieder ihre einzigartige Fähigkeit nicht nutzen, über solche Beziehungsprozesse miteinander zu kommunizieren. In diesen Fällen machen die Beteiligten oftmals mehr desselben, während der Problemträger mehr von dem macht, was er als Lösungsversuch betrachtet und die andern zunehmend daran glauben, dass derjenige "ver-rückt" oder gar "bösartig" sei.

Hier setzt die systemische Familientherapie an, indem sie einerseits die Wirklichkeit des "Problemträgers" zu erfahren versucht und damit dessen (problematisches) Handeln für die anderen Familienmitglieder verstehbar macht. Auf diesem Wege wird dann auch meist die positive Absicht des Symptomverhaltens deutlich. In der Folge erarbeitet die Familie gemeinsam Möglichkeiten, die das Symptomverhalten überflüssig macht bzw. dieses ersetzt durch ein für alle tragbares und akzeptables Verhalten.

Hierbei orientiere ich mich nicht an Problemen und Schwierigkeiten. Auch Schuldzuweisungen erachte ich nicht für sinnvoll und förderlich, wenn es darum geht, familiäre Schwierigkeiten zu bearbeiten. Vielmehr bin ich fest überzeugt, dass alle Menschen die Fähigkeiten und Kompetenzen besitzen, die sie brauchen, um Probleme und Schwierigkeiten konstruktiv zu bewältigen. Für mich heißt dies, dass die wichtigste Aufgabe ist, die Menschen, die bei mir Beratung/Therapie in Anspruch nehmen, dabei zu unterstützen, Zugang zu den Ressourcen zu bekommen, die sie bereits lange vor der Therapie haben.